Ab ins »sichere Nachbarland«

 

Den Jesiden in Irak und Syrien droht nach wie vor grausamste Verfolgung

Die Minderheit der Jesiden wird von den Banden des Islamischen Staates in ihrer Existenz bedroht. Deutschland tut alles, um ihnen zu helfen. Oder doch nicht? 

Die Bundestagsfraktion der CDU/ CSU sah sich am Donnerstag die Dokumentation »Háwar« an, so ließ ihr kirchen- und religionspolitischer Sprecher, Franz Josef Jung, ehemaliger Verteidigungsminister, in einer Presseerklärung wissen. Man wolle die Öffentlichkeit über die Verfolgung Tausender Jesiden im August vergangenen Jahres durch die Terroristen des Islamischen Staates (IS) informieren. 

Vor einigen Tagen war Bundeskanzlerin Merkel in ungewohnter Rolle beim türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu Gast: als Bittstellerin. Die Türkei möge doch dabei helfen, dass dem deutschen Volke noch größere Flüchtlingsströme erspart bleiben. Dafür sei man auch bereit, Milliarden zu geben, damit es sich in den zahlreichen türkischen Flüchtlingslagern besser aushalten lässt.

Flüchtlingslager unter Obhut der Regierung gibt es in der Türkei tatsächlich - ob sie für flüchtende Muslime ein sicherer Hafen sein können, ist ungewiss. Für Jesiden und andere religiöse Minderheiten sind sie es jedenfalls nicht. Deren Lager liegen vor allem in den kurdischen Gebieten der Türkei und erhalten keinerlei staatliche Zuwendungen.

Auf dem Weg in ein solches Lager erzählt uns einer der Leiter, dass die Jesiden von der türkischen Regierung keinen Flüchtlingsstatus erhalten. So bleibt ihnen der Zugang zu jeglicher Versorgung von staatlicher Seite verwehrt. Allein die Hilfe durch die kurdisch-linke Demokratische Partei der Völker und Spenden verhindern einen Notstand.

Die Menschen vor Ort reden nicht viel. Dennoch ist ihre Gastfreundschaft ungebrochen. Wir werden in ihre Zelte hinein gebeten, uns wird der beste Patz angeboten. 

Die Geschichten, die gemalten Bilder an den Innenwänden der Zelte, das überall aufgemalte Datum 3. August 2014, an dem die Jesiden von Shengal zur Flucht gezwungen wurden - sie zeugen von einem Grauen unbeschreiblichen Ausmaßes. Doch die Menschen im Lager können nicht damit beginnen, das Erlebte aufzuarbeiten. Die Regierung in der Türkei diskriminiert sie als »Gottlose« und überlässt sie ihrem Schicksal.

Die Erinnerungen an die Zwangsumsiedlungen und die Massaker, die den Jesiden während des Osmanischen Reiches widerfuhren, sind noch immer lebendig. Zu lebendig, als dass sie sich in der Türkei sicher fühlen können. Doch sie haben keine andere Wahl. 

Um einen »weißen Genozid« durch eine Flucht in alle Himmelsrichtungen zu verhindern, versuchen die Vertriebenen, zusammenzubleiben. Auf die Frage, ob er bereit wäre, nach der Befreiung von Shengal wieder nach Hause zurückzukehren, antwortet uns ein alter Mann: »Shengal ist tot. Es ist mit dem Blut unserer Verwandten und Nachbarn getränkt. Wir werden dort nie mehr sicher sein.«

Es heißt, beim Massaker von Shengal verrieten muslimische Einwohner ihre Nachbarn an den IS. Untrennbar scheint die Heimat nun mit dem Grauen verbunden zu sein.

Die Menschen träumen davon, Deutschland zu erreichen, wo die größte Diaspora der Jesiden existiert. Eine gemeinsame Flucht dorthin könnte möglicherweise die endgültige Zerstörung der jesidischen Kultur aufhalten. 

Doch bisher ist diese Option ein unerfüllbarer Traum. »Ich fuhr bis nach Bulgarien an die Grenze. Doch schickte man mich zurück. Ich sei kein Flüchtling, und Deutschland würde ohnehin nur Menschen aus Syrien aufnehmen«, erzählt einer der jungen Männer, um dann resigniert zu ergänzen: »Ich verstehe nicht, warum uns Europa dem IS ausliefert.«

Auf unserem Rückweg fliegen zwei Düsenjets der türkischen Armee über unsere Köpfe. Jeder hier weiß, wem sie den Tod bringen. Drei Stunden später im Hotel erhalten wir die Nachricht, dass sie Stellungen der kurdischen Volksverteidigungseinheiten in Syrien bombardiert haben - jene Kräfte, die derzeit am erfolgreichsten den IS bekämpfen.

Die Deutsche Presse-Agentur meldete übrigens am Mittwoch, dass das Verwaltungsgericht Ansbach in Bayern den Asylantrag von Ismael Osso, seiner Frau Fahima und seinen vier Kindern abgelehnt hat. Ihnen droht nun die Ausweisung - zurück nach Bulgarien, wo die syrischen Jesiden nach einer abenteuerlichen Flucht durch die Türkei für ein paar Monate Zuflucht gefunden hatten.

http://www.neues-deutschland.de/artikel/990235.ab-ins-sichere-nachbarland.html

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Die Welt der HDP ist bunt - mit allen Farben

Tausende sind an diesem Abend in die Berliner „Neue Welt“ gekommen um „Ihren“ Vorsitzenden … Selahattin Demirtaş zu sehen. Bis auf den letzten Platz gefüllt, der Saal. Das ist kein alltägliches Erlebnis für die anwesenden Politiker der Linken und Grünen, haben politische Veranstaltungen in Deutschland doch für gewöhnlich einen recht überschaubaren Zulauf und meistens eher den Charme einer Kaffeefahrt.

Aber hier sind Menschen verschiedenster Nationalitäten und Religionen, aller Altersklassen und sozialen Schichten vertreten, Frauen und Männer. In ihren Augen liegt Hoffnung und vor allem etwas, wonach Linke in Deutschland seit langem suchen: Begeisterung. Als Demirtaş die Bühne betritt, fliegen ihm Blumen entgegen.

Die HDP ist „keine Partei die einfach nur an Wahlen teilnimmt“ – sie ist „eine Partei der demokratischen Völker des nahen Ostens.“ so reißt Demirtaş seine Zuhörer gleich von Beginn an mit. Und dann fährt er fort: „Die Stärke der HDP kommt von der Vielfältigkeit der Menschen. Im ganzen nahen Osten gibt es keine weitere Partei wie die HDP. Die HDP ist der Gegenpol zum Nationalismus und sie wird den Faschismus besiegen.“

Die Offenheit und den Pluralismus bekommt man vor Ort sofort zu spüren. Was für ein Gegenstück zu den Wahlveranstaltungen deutscher Parteien, wo selbst innerhalb der Linken noch immer in Länder und Staatsgrenzen gedacht wird.

„Das Konzept von einem bunten nahen Osten ist das Konzept unseres besten Vorsitzenden Öcalan.“ „Du bist der beste Vorsitzende!“ ruft jemand aus dem Publikum dazwischen. „Ich sage nur das was Öcalan geschrieben hat.“ antwortet Demirtaş.

Was ich hier sehe und erfahre ist so anders als alles, was ich bisher mit Öcalan und der PKK verband. Diesen Menschen geht es nicht um Terror – sie haben einen Traum. Es ist der Traum von Frieden und von der Gleichberechtigung aller Menschen.

Die deutsche Öffentlichkeit, besonders aber die Deutsche Linke, muss ihr Bild von den Kurden gerade rücken. Gerade jetzt, wo die Kurden unter den Machtspielen

Foto: Lea Frings

Foto: Lea Frings

Erdogans so sehr in Bedrängnis geraten sind. Denn verschwände die kurdische Idee, dann verschwände auch eine der progressivsten Perspektiven, die die moderne Gesellschaft hervorgebracht hat. Eine Perspektive die derzeit auch den deutschen Linken gut stehen würde. Eine Welt ohne Nationalismus. Eine Idee, die gerade in diesen Tagen, in denen Europa schmerzhaft lernen muss, dass die schiere Angst ums nackte Überleben vor Ländergrenzen genau so wenig halt macht wie Erdbeben oder Nuklearkatastrophen, an Aktualität gewinnt. Eine Idee, die den Nationalismus und die Grenzziehungen auf dem Papier endgültig in die Reihe abgelegter Paradigmen der Geschichte einzuordnen vermag. Eine Gesellschaft, in der Gerechtigkeit zwischen Geschlechtern und Religionen ein Faktum und keine blutleere Vision mehr wäre.

Kann man das Aufbäumen einer unterdrückten Minderheit gegen ihre Unterdrücker als Terror bezeichnen? Und ist die Bezeichnung der PKK als Terrororganisation nicht vielmehr die fraglose Übernahme der faschistischen Sicht der Grauen Wölfe auf die von ihnen verhassten politischen Gegner? Gewiss. Bombenanschläge sind Verbrechen. Doch sind die Zerstörung von bislang 3000 kurdischen Dörfern und die Vertreibung von 3 Millionen Kurden aus ihrer Heimat nicht auch?

Auf dem Podium steht Demirtaş und blickt in die Gesichter seiner Anhänger. Wieder und wieder wird er unterbrochen von tosendem Beifall. Dann fährt er fort: „Die Männer sind Löwen. Aber auf den Barrikaden und in den Bergen waren es immer die Frauen, die keine Angst hatten. Darum sind wir in erster Linie eine Partei der Frauen. Wir schulden den Frauen sehr viel.“ Ein Blick zu den zahlreich anwesenden Frauen reicht, um zu sehen, dass dies keine leeren Worte sind. Die gelebte Gleichberechtigung ist spürbar.

Bei allen begrüßenswerten Bemühungen – es wird noch ein weiter Weg für die Deutsche Linke sein, bis ihre Gendergerechtigkeit genauso selbstverständlich sein wird wie hier an diesem kurdischen Abend. Ist es die Idee des Demokratischen Konföderalismus, die diese Frauen so stark gemacht hat? Vielleicht war es anders. Vielleicht war es gerade die gelebte Gleichberechtigung, die den starken kurdischen Frauen die Möglichkeit gab, diese Idee von Beginn an mit einzubringen.

Die Situation der KurdInnen ist ernst. Demirtaş erzählt davon, wie sein Bruder in Rojava gegen den Islamischen Staat kämpft: „Die Ehre der Menschen wird im Kampf gegen den IS von den Kurden verteidigt. Der IS ist die gefährlichste Gruppe der Welt. Aber das Kurdische Volk hält sogar ihm stand. Wer ist denn Erdogan, dass er gegen die Kurden kämpfen will?“

Wieder tosender Beifall. Dann tritt Demirtaş von der Bühne und badet in der Menge. Begeisterung unter den Kurden. Und Hoffnung. Für all jene Beobachter, die spüren, wie ansteckend diese Begeisterung ist.

Von Lea Frings

http://diefreiheitsliebe.de/politik/die-welt-der-hdp-ist-bunt-mit-allen-farben/

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